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Vortrag des BLM-Präsidenten Siegfried Schneider zum Thema „Phänomen Facebook – Verlust der Privatsphäre oder Gewinn neuer sozialer Räume?“ im Rahmen des 10. EthikForums an der Hochschule Amberg-Weiden am 15. November 2012

15.11.2012 | P&R / 2012


- Es gilt das gesprochene Wort! -

Sehr geehrter Herr Professor Bauer,
sehr geehrter Herr Professor Kock,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

es ist jetzt fast neun Jahre her: Damals, im Februar 2004, startete der Harvard-Student Mark Zuckerberg von seinem Studentenzimmer aus ein kleines Online-Netzwerk. Er wollte zunächst nur eine Art Schwarzes Brett für das Internet schaffen und so einen Teil des Campus ins World Wide Web verlegen. Dort sollte man sich verabreden oder wichtige Neuigkeiten verbreiten können. Zum Angebot gehörte außerdem eine kleine Plattform, welche die Möglichkeit bot, sich selbst anderen vorzustellen. So wurde Facebook geboren: eine Mischung Terminkalender, Pinnwand und Album für digitale Freundschaften. Zunächst konnten nur Studierende ausgewählter Hochschulen den neuen Online-Service nutzen.

Es dauerte gerade einmal 15 Monate, bis aus einem kleinen Netzwerk in den USA ein „really big thing“ geworden war. Im September 2005 wurde das Angebot auf alle High-Schools ausgedehnt, ein Jahr später weltweit für alle Nutzer ab 13 Jahren geöffnet. Was folgte, war die größte Erfolgsgeschichte der Internetwelt seit der Erfindung von Google: Facebook meldet inzwischen mehr als eine Milliarde Nutzerkonten. Beim Börsengang im vergangenen Mai – dem drittgrößten in der US-Wirtschaftsgeschichte – wurde das Unternehmen auf einen Wert von etwa 100 Milliarden Dollar taxiert.

Was aber macht Facebook so wertvoll? Das wertvollste Kapital von Facebook sind die Daten der Nutzer. Dazu zählen mehr als 220 Milliarden Fotos, mittlerweile eine Billion „Like“-Klicks und ein Datencluster mit der kaum vorstellbaren Größe von mehr als 100 Petabyte. (Wenn Sie sich diese Zahl vorstellen wollen, müssen sie an die 1 insgesamt 17 Nullen anhängen.) Aus diesen Daten lassen sich Nutzerprofile erstellen, die wiederum von der Werbewirtschaft honoriert werden. So stammten im vergangenen Jahr 85 Prozent des Facebook-Umsatzes in Höhe von 3,7 Milliarden Dollar von Kunden, die Werbung auf den Seiten des riesigen Netzwerkes einblendeten. Dank der – wenn auch anonymisierten Nutzerprofile – lassen sich bei der Werbewirkung Streuverluste weitgehend vermeiden. Cookies, also kleine Datenpakete, die Facebook auf den Computern der Nutzer installiert, und Daten, die Mitglieder dem Netzwerk dank ihrer Profile und Postings freiwillig überlassen, ermöglichen das sogenannte Behavioral Targeting: Dabei erhalten wir gezielt Online-Werbebotschaften für Produkte, die zu unseren vermeintlichen Interessen und Bedürfnissen passen. Doch dazu später mehr…

In Deutschland ist durchschnittlich jeder zweite Internetnutzer Teil der Facebook-Community: Zuletzt wurden etwa 25 M Profile gemeldet. Das soziale Netzwerk ist Kommunikations- und Informationskanal, dient der Zerstreuung oder zur Organisation von Kontakten. Die virtuelle Community ist längst für viele ein unersetzlicher Tagesbegleiter, prägt die Selbstdarstellung und strukturiert teilweise sogar den Umgang mit anderen Medien. Durchschnittlich verbringen Facebook-Fans täglich fast eine Stunde damit, sich im sozialen Netzwerk neu zu orientieren und zu positionieren.

In die Communitys des World Wide Web verlagert sich vieles, was zuvor bereits im offenen Internet stattfand: Es wird gechattet, gemailt und gespielt, kommentiert und getauscht. Dabei geht es um das „Sehen und Gesehenwerden“, um das Erlangen von Aufmerksamkeit, um das Vernetzen und um Informationen. Mit immer neuen Fotos und Postings wird das eigene Leben virtuell mit dem von anderen verknüpft. Seit seiner Gründung hat Facebook auf diese Weise weltweit etwa 140 Milliarden Freundschaftsverbindungen hergestellt.

Eine besonders große Rolle spielen soziale Netzwerke im Leben jüngerer Nutzer. In Deutschland sind etwa neunzig Prozent aller 15- bis 24-Jährigen Mitglied bei Facebook, und die 15- bis 17-Jährigen besonders aktiv. Eine Studie der Universität Hohenheim ermittelte, dass im Herbst 2011 etwa vierzig Prozent der Jugendlichen ihr Profil mindestens einmal wöchentlich aktualisierten. 80 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben inzwischen auch mobil Zugang zum Internet und zu sozialen Netzwerken.

Online werden in einer Social Community Kontakte geknüpft und Peergroups gebildet, Wertvorstellungen und Moden ausprobiert. Nirgendwo sonst lassen sich – zunächst scheinbar ohne gefährliche Konsequenzen für den Alltag – so risikolos Lebensstile konstruieren, kombinieren und korrigieren wie bei Facebook. Die Community verheißt Selbstverwirklichung, Kreativität und Abenteuer, Emanzipation und Meinungsfreiheit. Junge Facebook-Nutzer blättern in den virtuellen Fotoalben von Freunden und Bekannten, werben um Freundschaften, bemühen sich kontinuierlich um neue Inhalte und machen sich Sorgen, wenn eigene Beiträge von anderen weniger oft „geliked“ werden als erhofft.

Facebook wird vor allem auch zur Organisation des Privatlebens eingesetzt. Befürworter von Social Communitys verweisen auf die enorme kommunikative Kraft der Netzwerke. Sie schaffen soziale (Ver-)Bindungen, die auf anderen Wegen in unserer oft anonymisierten Massenkultur nicht möglich wären. Schließlich scheint sich mit jedem neuen Kontakt die Fragmentierung unserer Gesellschaft, die aus der zunehmenden Individualisierung resultiert, wieder ein wenig aufzulösen. Facebook gilt vielen als das ideale Instrument, um der nachlassenden Bindungskraft traditioneller Sozialzusammenhänge entgegenzuwirken. Aktuelle Studien widersprechen denn auch Auffassungen von Kulturkritikern, die noch vor einigen Jahren davon ausgegangen sind, dass in sozialen Netzwerken virtuelle Freunde die realen Freunde ersetzen. Eher scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Auch über das Internet kommunizieren Menschen am häufigsten mit jenen Freunden, denen sie offline am Nächsten stehen.

Der durchschnittliche Nutzer hat ungefähr 120 bis 130 Facebook-Freunde, von denen allerdings lediglich vier bis sechs wirklich gute Freunde sind. Ähnliche Zahlen nennt die Freundschaftsforschung auch für die analoge Welt. Und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Facebook und andere Social Media-Angebote es beispielsweise erleichtern, Kontakt zu weggezogenen Freunden aufrechtzuerhalten und ermöglichen, neue Menschen kennenzulernen.
Auch die Thesen, dass Internet und Social Media unpolitisch machen und gesellschaftliches Engagement reduzieren, konnten Bildungsforscher in einem großen Experiment 2010 widerlegen. Dabei wurde das Verhalten von 18.000 Personen in Deutschland mit und ohne Internetanschluss verglichen. Das Ergebnis, das auch für die Forscher überraschend war, fasste Prof. Ludger Wößmann in einem Artikel in der Frankfurter Rundschau (23.11.2012, S. 23) so zusammen: „Die neuen Befunde belegen erstmals, dass das Internet die gesellschaftliche Betätigung nicht zerstört, sondern sogar eher fördert: Statt Tätigkeiten zu verdrängen, bei denen die Möglichkeit zu persönlichen Kontakten zwischen Menschen im Mittelpunkt steht, erhöht es das gesellschaftliche Engagement und die sozialen Kontakte.“ Als widerlegt gilt auch die Annahme, dass soziale Netzwerke die Gefahr beinhalten, dass Menschen vereinsamen. Abhängig ist das immer von der Persönlichkeitsstruktur des Einzelnen. Gerade für Menschen mit konkreten Problemen ist es im Internet häufig einfacher Kontakte zu finden, als in der realen Welt.

Allerdings ist nicht jede Kommunikation auf Facebook tatsächlich eine echte Kommunikation mit einer realen Person. Ein Beispiel dafür sind die sogenannten „Social Bots“. Dabei handelt es sich um spezielle Programme, mit denen sich Nutzerprofile künstlich generieren lassen. Als Wissenschaftler der kanadischen University of British Columbia (Vancouver) ausprobieren wollten, ob Facebook Social Bots erkennt, stellten sie fest, dass nur etwa ein Fünftel der künstlich erzeugten Fantasienutzer als solche enttarnt wurden. Mit hundert gefälschten Profilen konnten die Forscher etwa 3.000 reale Teilnehmer als Freunde gewinnen. Auf solche Weise können Firmen durch den künstlich erzeugten Maschinen-Kontakt zu fremden Facebook-Profilen persönliche Daten sammeln.

Facebook verbietet zwar Pseudonyme, hat aber selbst eingeräumt, bei fast zehn Prozent aller Nutzer sei unsicher, ob sich dahinter reale Personen befinden. Das amerikanische Start-up-Unternehmen Limited Run, eine New Yorker Musikplattform, will mit Analyse-Tools festgestellt haben, dass nur hinter jedem fünften Klick auf die Werbung bei Facebook echte Menschen stecken. Alles andere werde automatisch generiert. Längst lassen sich Werbeklicks, Like-Meldungen und Fans auch kaufen. Die Tarife dafür sind bekannt: zum Beispiel 5.000 vermeintliche Facebook-Freunde für fünf Dollar. Wer zwanzig Dollar zahlt, erhält 1.200 Klicks auf den „Gefällt-mir“-Button. Die deutsche Firma Fandealer bietet 1.000 „echte“ deutsche Facebook-Freunde für 395 Euro an. Zu diesem Zweck zahlt Fandealer Facebook-Nutzern zwei bis fünf Cent pro Klick auf den Like-Button. Die Beispiele zeigen, dass Netzwerke in Facebook zumindest teilweise künstlich erzeugt werden.

Aufmerksamkeit ist mittlerweile auch bei Facebook selbst käuflich. Mit seinem neuen Service namens Promoted Posts stellt das Unternehmen für sieben Dollar pro Meldung sicher, dass eine Nachricht sehr weit oben auf der Pinnwand von Freunden erscheint.

Wie gefährlich die Verlagerung unserer Kommunikation in ein virtuelles Netzwerk wie Facebook sein kann, in dem sich leicht mit fremden Identitäten, vagen Behauptungen und anonymen Beschuldigungen agieren lässt, machen drei Beispiele deutlich:

Amanda Todd, eine 15-jährige kanadische Schülerin, hatte Anfang Oktober naiver Weise ein Foto von sich mit nacktem Oberkörper einem anonymen Mann gemailt, das dieser über Facebook verbreitete. Ihre Mitschüler mobbten sie daraufhin. Das Mädchen verfiel in Depressionen und beging schließlich Selbstmord.

Der zweite Fall sorgte bundesweit für Schlagzeilen, als im Frühjahr ein 18-Jähriger bei Facebook zur Lynchjustiz aufrief: Schnell stand ein 17-Jähriger unschuldig im Verdacht, in Norddeutschland ein 11-jähriges Mädchen umgebracht zu haben. Er wurde zunächst von der Polizei verhaftet. Auf seiner Facebook-Seite hatte der 18-Jährige geschrieben: „Aufstand! Alle zu den Bullen. Da stürmen wir. Lass uns das Schwein tothauen.“ Das Jugendschöffengericht verurteilte ihn dafür zu zwei Wochen Jugendarrest. Mittlerweile hat ein inzwischen 19-Jähriger den Sexualmord an dem Mädchen gestanden und wurde nach einem Urteil des Landesgerichts Aurich am 7. November für unbestimmte Zeit in die Psychiatrie eingewiesen.

Das dritte Beispiel: Die Hochspringerin Ariane Friedrich veröffentlichte auf ihrer Facebook-Seite Name und Wohnort eines Mannes, der sie per E-Mail mit einem Foto sexuell belästigt haben soll. Mit diesem Facebook-Outing wurde mindestens ein Unschuldiger getroffen, weil es in der genannten Stadt gleich zwei Männer mit dem angeführten Namen gab. Der mutmaßliche Täter gab schließlich an, sein Facebook-Account sei „gehackt“ worden. Alle seine Freunde hätten daraufhin eine Spam-Mail mit der Abbildung eines Geschlechtsteiles erhalten.

Die genannten Beispiele zeigen – ebenso wie etwa Ausschreitungen bei Facebook-Partys – die enorme Verstärkerfunktion von sozialen Netzwerken. Plötzlich wird Individualkommunikation zur Massenkommunikation. Facebook bietet zwar ein riesiges Netzwerk von Informations- oder Kontaktmöglichkeiten. Zugleich aber kann der Kampf um die Aufmerksamkeit dazu führen, dass allzu Privates öffentlich wird. Wer aus einer spontanen Emotion heraus Inhalte allzu unbedacht bei Facebook veröffentlicht, kann diese oft später kaum noch löschen. Wer die Nutzungsbedingungen akzeptiert- und die sind länger als die amerikanische Verfassung - überlässt dem US-Unternehmen zugleich die Rechte an sämtlichen Inhalten – und zwar auch über den Zeitpunkt des Löschens oder des Austritts aus dem Netzwerk hinaus. Jeder Facebook-Eintrag hinterlässt so einen virtuellen Schatten, den wir kaum noch loswerden. Das alles ist kein Zufall, sondern Teil von Zuckerbergs Geschäftsidee. Wurde beim arabischen Frühling noch die demokratische Macht von sozialen Netzwerken gelobt, zeichnen sich längst auch für Demokratien Gefahren ab: Inzwischen haben nämlich politisch extreme Gruppierungen Facebook entdeckt. So nutzen Tausende politische Sympathisanten von Islamisten oder Rechtsradikalen das Netzwerk, das sich bestens zur Verbreitung von Propaganda eignet. So sammelte die Facebook-Gruppe „Deutschland gegen Kindesmissbrauch“ bereits etwa 15.000 „Gefällt-mir“-Klicks. Dass es sich dabei um rechtsextreme Propaganda handelt, wird erst auf den zweiten Blick deutlich. Profilnamen wie Adolf88, Wehrmacht oder Eva Braun lassen erahnen, dass politische Kommunikation bei Facebook durchaus antidemokratisch sein kann. Auch die Gruppe „Unterstützer der Dschihad-Kämpfer“, die etwa 500 Anhänger hat, dürfte sich nicht gerade die Verbesserung unsere Demokratie zum Ziel gemacht haben.

Schauen wir uns das Geschäftsmodell von Facebook also einmal etwas genauer an:

Das Besondere an Facebook ist das Beziehungsgeflecht zwischen den Nutzern beziehungsweise zwischen deren Postings und Profilen, Informationen und Interessen – der sogenannte Social Graph. Er macht transparent, wie sich Menschen verhalten, was sie mögen, mit wem sie kommunizieren. Und die Timeline – in Deutschland als Chronik bezeichnet – dokumentiert alles im zeitlichen Ablauf. So entstehen auf einer virtuellen Pinnwand Lebensläufe, dokumentiert mit Fotos und Freundschaftsanfragen, Videos, Feeds und Fan-Aktivitäten. Dank des „Like“-Buttons werden auch die Aktivitäten jenseits des Facebook-Universums erfasst. So entstehen Nutzerprofile, die der Werbewirtschaft zur Verfügung gestellt werden.

Profile, Nutzungsdaten und -muster tragen dazu bei, Prognosen zu erstellen, welche Bedürfnisse einzelne Mitglieder entwickeln werden. Ein Beispiel: Macht ein Nutzer seinen Führerschein, wird er für die Automobilhersteller interessant. Wer seinen Beziehungsstatus ändert, könnte bei einer Online-Partneragentur Kunde werden. Facebook-Nutzer zahlen mit ihren Daten. Das größte Netzwerk der Welt strebt die Entwicklung von Werbeformaten an, die sich nahtlos in die Interaktion der Community-Mitglieder einpassen lassen. So soll Aufmerksamkeit erregt werden, ohne dass sich Nutzer gestört fühlen.

Die Grundidee von Facebook ist, dass sich Werbebotschaften dann erfolgreich platzieren lassen, wenn sie im Umfeld der Interessen von Internetnutzern auftauchen, wenn sie persönliche Relevanz aufweisen oder sogar direkt Teil der Kommunikation zwischen Community-Mitgliedern werden. Schnell können Online-Freunde – oft ohne eigenes Wissen – zu Werbeagenten werden: etwa dann, wenn bei den sogenannten Sponsored Storys in der rechten Profilspalte von Nutzern eingeblendet wird, welche ihrer befreundeten Facebook-Mitglieder sich gerade auf der Internetseite oder gar in einem Geschäft eines Markenartiklers aufhält. 
Weitere Werbemöglichkeiten sind z.B. „Facebook Exchange“ und die Werbevermarktung der Suchfunktion auf der Website von Facebook. Werbekunden können dabei ihre Anzeigen mit einem bestimmten Suchbegriff verknüpfen. Wenn ein Nutzer beispielsweise nach der Seite eines Kameraherstellers sucht, kann in den Ergebnissen auch die Seite eines Konkurrenten auftauchen. Diese bezahlte Anzeige unterscheidet sich von den anderen Treffern durch den Hinweis „Sponsored“. Bei „Facebook Exchange“ wird das Surfverhalten der Facebook-Nutzer durch sog. „Browser Cookies“ ausgeforscht: Kommt ein Nutzer auf der Suche nach bestimmten Produkten erstmals wieder auf die Facebook-Seite zurück, erhält er eine Werbeanzeige des Produkts –. Facebook sucht derzeit intensiv nach immer neuen Werbemöglichkeiten. Denn bislang sind die Werbeeinnahmen des Unternehmens in Höhe von 3 Milliarden Dollar im Jahr 2011 eher enttäuschend. Pro Nutzer (1 Milliarde) setzt Facebook derzeit im Jahr gerade 1,25 Dollar um. Deshalb gibt es in der Werbebranche bereits ernsthafte Zweifel, ob sich Facebook überhaupt als Werbeplattform eignet. (Zum Vergleich: Werbeeinnahmen von Google 2011: 36,5 Milliarden Dollar.)

Um an die Daten ihrer Mitglieder zu kommen, nutzt Facebook geschickt die Lücken eines Datenschutzrechtes aus der vor-digitalen Ära. Als der österreichische Jura-Student Max Schrems, Gründer der Initiative „Europe versus Facebook“, im vergangenen Jahr feststellte, dass sich die eigenen Daten bei Facebook nie wirklich komplett löschen lassen, bat er das Unternehmen immer wieder darum, ihm eine Dokumentation aller über ihn verfügbaren Daten zusammenzustellen. Schließlich erhielt er eine CD, deren Ausdruck 1.222 Seiten umfasste. Dieser enorme Umfang gab vielen zu denken. Facebook weiß eben nicht nur, was Nutzer auf ihren Profilseiten veröffentlichen. Mark Zuckerbergs Rechner kennen alle Kontakte und E-Mails, werten Foto-Daten – von den Geokoordinaten bis zum Kameratyp – aus und protokollieren detailliert, wann sich Nutzer ein- und ausloggen.

Die Facebook-Zentrale im kalifornischen Menlo Park erfährt über die Cookies nicht nur jede Surf-Bewegung der eigenen Mitglieder, sondern auch alles über Online-Aktivitäten anderer User, die Seiten mit dem Facebook-Daumen, also der „Like-Funktion“, besuchen. Was viele ebenfalls nicht ahnen: Wer über die iPhone-Applikation FriendSync die Kontakteliste seines Handys mit seiner Facebook-Freundesliste synchronisiert, übergibt auch Daten von Menschen an das Netzwerk, die selbst gar nicht Mitglied der Community sind. Erst auf Druck deutscher Datenschützer konnte Anfang des Jahres erreicht werden, dass Facebook jedem Mitglied eine transparente Kontrolle über die von ihm importierten Adressen ermöglicht.

Als Facebook begann, alle Fotos anhand biometrischer Daten für eine automatische Gesichtskennung auszuwerten, war das selbst den liberalen irischen Datenschützern zu viel. Sie wirkten darauf hin, dass entsprechende Daten europäischer Nutzer im vergangenen Monat gelöscht wurden.

Weil Facebook sein gesamtes Netzwerk – mit Ausnahme des Geschäfts für die USA und Kanada – von Dublin aus managt, laufen deutsche Datenschutzbestimmungen ins Leere. Und so werden immer wieder neue Services eingeführt, die von Politik und Datenschützern kaum zu stoppen sind. Erst wenn massiver öffentlicher Protest das Image bedroht, lenkt Facebook manchmal ein. Ähnliches galt auch, als die Schufa im Sommer ein Forschungsprojekt ankündigte, bei dem auf der Basis von Persönlichkeitsdaten der Social Community-Mitglieder deren Bonität bewertet werden sollte. Dazu wird es zumindest vorerst nicht kommen.

Was aber ist Facebook nun eigentlich? Eine Erfindung eines Genies, die Menschen zusam-menbringt? Ein Datenkrake, der Privates für kommerzielle Zwecke missbraucht? Mein Fazit: Die Community ist ebenso Wirklichkeit wie Ersatz und Gegenentwurf zur Wirklichkeit. Jedes Profil, jedes Posting, jedes Foto ist ein Stück Öffentlichkeitsarbeit seiner Mitglieder und deshalb auch eine Inszenierung. In ganz besonderem Maße gilt dies für die Sozialisation junger Menschen. Prägten früher MTV und Viva die Popkultur, werden heute Sinnorientierung und Style in sozialen Netzwerken entwickelt und kultiviert. Das Positive daran ist die Interaktivität. Dadurch können sich Jugendliche aktiv an der Konzeption und Etablierung neuer Lebensstile beteiligen. Zugleich aber zwingt die dichte Taktung sich kontinuierlich verändernder Statusmeldungen zu ständiger Aktivität und zu Reflexen statt Reflexion.

Für junge Facebook-Fans gibt es nichts Peinlicheres, als wenn ein neues Foto oder Posting stundenlang von anderen unkommentiert bleibt. Wer Aufmerksamkeit erzeugen will, ist gezwungen, ständig Neues zu kreieren. Das Ergebnis ist zuweilen eine krude Mischung aus künstlichen Eitelkeiten und Pseudo-Relevantem. Das Suchen und die Sucht nach „Likes“ können auch verhängnisvolle Mechanismen auslösen: Unbemerkt wird manches Private plötzlich öffentlich und die Angst vor dem Verlust von „Freunden“ und Isolation löst einen gewissen Konformitätsdruck aus.

Die große Leistung des World Wide Web ist es, Informationen so zu dokumentieren, dass sie geteilt, miteinander verbunden und für alle zur Verfügung gestellt werden, und zwar über eine offene Plattform, die transparent ist, niemandem gehört und allen zur Verfügung steht. Mit Social Media sind wir einen Schritt weiter, aber dieser Schritt ist in der Regel mit Kompromissen und sogar einem Stück Unfreiheit verbunden. Wir können Menschen miteinander online in Verbindung bringen. Aber was geschieht mit dem Netzwerk, das daraus entsteht? Wir haben es de facto einer privaten Firma überlassen, die das Ganze nun systematisch kommerzialisiert. Das muss sich jeder klar machen, der Facebook nutzt.

Beim Phänomen Facebook wird Kommunikation, die einst im öffentlichen Raum stattfand, wirtschaftlich privatisiert, und zwar von einem Quasi-Monopolisten. Schließlich sichert sich Facebook mit seinen Nutzungsbedingungen explizit das Recht, alle Inhalte und alle Daten seiner Nutzer kommerziell zu verwerten und an Dritte weitergeben zu dürfen. Wer Facebook nutzen will, muss deshalb stets auf der Hut sein, seine virtuelle Souveränität, das heißt die Kontrolle über sich selbst, sein Bild in der Öffentlichkeit und seine Daten, nicht zu verlieren. D.h., wir sind immer wieder gefordert, mitzudenken und entsprechend zu handeln. Die Politik kann z.B. über eine europäische Datenschutzverordnung manches verbessern. Das enthebt uns aber nicht davor, selbst ständig auf dem Laufenden zu bleiben.

Vor allem junge Nutzer (mit einem niedrigen Bildungsniveau) haben kaum eine Chance zu verstehen, was Facebook mit ihnen und ihren Daten macht. Bei der repräsentativen Befragung durch die Universität Hohenheim glaubten etwa vierzig Prozent der 12- bis 24-Jährigen, dass Netzwerk-Anbieter Daten an Dritte weitergeben. Aber nur etwa jedem zweiten war bewusst, dass die eigenen Daten für die Werbung genutzt werden. Werden Jugendliche über die Datenschutz-Risiken bei Facebook aufgeklärt, so hat der Bundesverband der Datenschutzbeauftragten Deutschlands herausgefunden, führt dies dazu, dass sich vier von fünf bei den Sicherheitseinstellungen anschließend vorsichtiger verhalten.

Ich sehe aber auch Facebook in der Pflicht: Wünschenswert sind eine zuverlässige Identifizierung und Altersverifikation, damit im sozialen Netz niemand in virtuelle Rollen schlüpfen kann, die es ihm ermöglichen, unter einer fremden oder erfundenen Identität Dinge zu tun, die im wirklichen Leben nicht erlaubt sind. Außerdem sollte bei Minderjährigen auf die Angabe von Kontaktdaten wie Adresse oder Telefonnummer grundsätzlich verzichtet werden. Darüber hinaus müsste Facebook die Privatsphäre- und Sicherheitseinstellungen standardmäßig so vorprogrammieren, dass die Nutzer, wenn sie nicht von sich aus Änderungen vornehmen, auf der jeweils höchstmöglichen Stufe abgesichert sind – zurzeit verhält sich dies leider genau andersherum.  
Wichtig ist auch das Thema Transparenz: Wenn personalisierte Werbung schon nicht ausgeschlossen werden kann, dann sollten die Nutzer zumindest erfahren, wer ihre Daten wie, wo, über welchen Zeitraum und zu welchem Zweck speichert und weiterverarbeitet. Und noch etwas ist ganz wichtig: Bei der Abmeldung eines Nutzers muss die Löschung seiner personenbezogenen Daten aus dem kompletten Netzwerk sichergestellt werden. Das alles kann die Politik nicht allein regeln. Das ist auch eine Frage der gesellschaftlichen Verantwortung, der sich Facebook stellen muss.

Schließlich bleibt aber auch der Nutzer in der Verantwortung. Wenn sich eine Milliarde Mitglieder aktiv mit den Risiken des weltweit größten sozialen Netzwerks auseinandersetzen, dann können sie nicht nur selbstbestimmt und kritisch mit den eigenen Daten und denen von Dritten umgehen. Nein, sie haben dann auch die Möglichkeit, Facebook zu mehr Datenschutz und mehr Transparenz zu bewegen. Soziale Netzwerke sind auf die Aufmerksamkeit, die ihre Nutzer für die Inhalte aufbringen, angewiesen. Haben Mitglieder das Gefühl, dass Facebooks Profit und der Nutzer-Benefit nicht mehr in einem angemessenen Verhältnis stehen, sollten sie damit beginnen, dem weltweit größten Netzwerk ihre Aufmerksamkeit einfach wieder zu entziehen.

In diesem Sinne: Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!