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Grußwort von BLM-Präsident Siegfried Schneider zur Eröffnung der Lokalrundfunktage am 8. Juli 2014 in Nürnberg

08.07.2014 | P&R / 2014

- Es gilt das gesprochene Wort! -
 
 
Sehr geehrter Herr Bürgermeister Gsell,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
 
herzlich willkommen zu den 22. Lokalrundfunktagen in der Messe Nürnberg. In den kommenden beiden Tagen wird hier das Zentrum des lokalen Rundfunks nicht nur in Bayern, sondern zumindest im gesamten deutschsprachigen Raum sein. In den mehr als 20 Veranstaltungen werden alle wichtigen Themen angesprochen, die für den lokalen Hörfunk und das lokale Fernsehen heute und in nächster Zukunft relevant sind bzw. sein werden. Das Programm umfasst Workshops, Diskussionsrunden und Vorträge von und mit rund 60 nationalen und internationalen Referenten, die ich an dieser Stelle ganz herzlich begrüßen möchte. Mein besonderer Gruß und Dank gilt den Partnern und Sponsoren der Lokalrundfunktage und den Ausstellern, die in diesem Jahr so zahlreich wie nie vertreten sind. Nutzen Sie also die Gelegenheit, sich hier vor Ort über die neuesten Entwicklungen zu informieren.
 
Die Keynote auf den Lokalrundfunktagen wird in diesem Jahr der französische Radioexperte Denis Florent halten. Unsere Zeitschrift tendenz, deren aktuelle Ausgabe zu den Lokalrund­funktagen erscheint, enthält ein Interview mit ihm über die Zukunft des Radios. Darin sagt Denis Florent: Das Radio ist ein wichtiger Bestandteil des Lebens seiner Hörer. Es ist Alltag und Gedächtnis für sie. Florent verweist in dem gesamten, äußerst lesenswerten Interview auf die Stärken des Radios: Radio hat einen festen Platz im Alltag und im Leben der Menschen. Es begleitet viele Hörer rund um die Uhr: vom morgendlichen Aufwachen über das Frühstück, den Weg zur Arbeit, den Arbeitsalltag, den Start in den Feierabend bis zur nächtlichen Einschlafhilfe. Es ist also nicht überraschend, dass sich das Radio auch 90 Jahre nach seiner Erfindung größter Beliebtheit erfreut:
 
Die letzte bundesweite Untersuchung zur Radionutzung, die Media Analyse Radio 2014/I kommt zu dem Ergebnis, dass 94 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung mindestens einmal alle 14 Tage Radio hören, über 80 Prozent schalten täglich ein Radio­gerät an. In Bayern sind es laut aktueller Funkanalyse sogar fast 89 Prozent. Und das in allen Altersgruppen. Die tägliche Hördauer liegt in Bayern an einem durchschnittlichen Werktag bei über vier Stunden. Ganz erstaunlich ist die Radionutzung von Jugendlichen, gerade auch im Vergleich mit der Nutzung anderer Medien: Seit 2005, also in den vergangenen neun Jahren, hat die Nutzung des Mediums Radio bei den 12- bis 19-Jährigen nach den Ergebnissen der renommierten JIM-Studie kontinuierlich zugenommen. Während 2005
72 Prozent in dieser Altersgruppe täglich Radio gehört haben, waren es im Herbst 2013 79 Prozent.

Und es gibt weitere gute Nachrichten, nicht nur für Radio, sondern generell für lokale Medien: In einer neuen Studie zum Informationsverhalten der Deutschen stellen die Forscher fest: „Regionale Nachrichten sind in Deutschland wichtiger als in allen andern Ländern – auch in den jungen Zielgruppen.“ Bestätigt wird dieser Befund durch die aktuellen Ergebnisse der Funkanalyse. Sie belegen allerdings auch, dass gerade bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen das Internet die Nase vorn hat: Für fast 60 Prozent der bayerischen Bevölkerung ist das Internet als Informationsquelle über das lokale Geschehen in der Umgebung sehr wichtig oder wichtig. Bei den 14- bis 20-Jährigen liegt der Wert für das Internet wie erwartet deutlich höher, nämlich bei 81 Prozent. Dahinter folgt in dieser Alters­gruppe der Lokalfunk mit über 60 Prozent, vor der Tageszeitung und dem Lokalfernsehen. Für den lokalen Rundfunk ist das einerseits ein gutes Ergebnis, anderer­seits wird aber auch deutlich, dass in Bezug auf das Internet weiterhin Handlungsbedarf besteht. Das ist allerdings kein Grund, pessimistisch in die Zukunft zu sehen. Im Gegenteil. Wir alle müssen lernen, noch stärker als bisher crossmedial zu arbeiten. Möglichst viele Inhalte des linearen Programms sollten auch, angepasst auf die unterschiedlichen Ausspielkanäle, plattformübergreifend funktionieren. Und die Inhalte sollten so interessant, spannend oder unterhaltsam sein, dass die Nutzer sie mit anderen teilen wollen. Nun werden manche von Ihnen vielleicht sagen: mir fehlt einerseits das Personal, um stärker crossmedial zu arbeiten und andererseits sehe ich nicht, dass damit nennenswerter Umsatz zu machen ist. Letzteres ist derzeit noch richtig, aber die lokalen Werbemärkte werden sich in den kommenden Jahren, wenn auch nicht dramatisch, aber doch deutlich in Richtung online bewegen.

Um die Anbieter in diesem notwendigen Umstellungsprozess noch besser unterstützen zu können, beteiligt sich die BLM an einer Studie von Frau Prof. Dr. Sonja Kretzschmar vom Institut für Journalistik an der Universität der Bundeswehr München, in der die crossmedialen Produktions- und Angebotsstrukturen im lokalen Rundfunk in Bayern untersucht werden. Es geht dabei um die Analyse des Status Quo, die optimale Nutzung crossmedialer Möglichkeiten, um Best-Practice-Beispiele und um zukunftsfähige Geschäfts­modelle. Ich möchte Sie nochmals bitten, an der Studie mitzuarbeiten. Die Ergebnisse können aufzeigen, welche crossmedialen Strategien erfolgversprechend sind und damit ein Stück weit zur Zukunftssicherung des lokalen Rundfunks in Bayern beitragen.
 
Wenn wir uns in den vergangenen Jahren hier in Nürnberg mit den zentralen Zukunfts­fragen des lokalen Rundfunks auseinandergesetzt haben, spielte der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine eher nachrangige Rolle. Ich habe in den letzten Jahren z.B. bewusst darauf verzichtet, die deutlich bessere Frequenzausstattung des BR im Bereich des Hörfunks zu thematisieren, weil sich unsere lokalen, regionalen und landesweiten Programme trotz dieser historischen Benachteiligung im programmlichen Wettbewerb erfolgreich behauptet haben. Aktuell steht das duale Rundfunksystem auf dem Prüfstand: Übermorgen wird der Rundfunkrat des Bayerischen Rundfunks darüber entscheiden, wann und unter welchen Konditionen der BR den höchst umstrittenen Frequenzwechsel zwischen BR Puls und BR Klassik umsetzen wird. Eines ist aus Sicht der BLM aber ganz klar: Eine Beschlussfassung am Donnerstag mit einer automatischen Umsetzung des BR-Vorhabens 2018 ohne entsprechende Rahmenbedingungen ändert nichts an der von uns kritisierten Ausgangslage.
 
Aus unserer Sicht muss vor einer endgültigen Beschlussfassung eine messbare Evaluation der Entwicklung von DAB in Bayern durchgeführt werden. Nur ab eine Markt­durchdringung von mindestens 50 Prozent bei den DAB-fähigen Radiogeräten und einem Anteil von 25 Prozent bei der Hörfunk-Nutzung wird den privaten Radioanbietern ein einigermaßen fairer Wettbewerb ermöglicht. Nur unter den genannten Bedingungen ist eine gemein­same Digitalisierungsinitiative in Bayern umzusetzen. Der Vorsitzende des Medienrats, Herr Dr. Jooß und ich haben diese Position in einem Gespräch mit dem Vorsitzenden des Rundfunkrats, Herrn Prälat Wolf und dem BR-Intendanten Ulrich Wilhelm gestern Vormittag noch einmal deutlich gemacht. Bedauerlicherweise wurde unser Petitum, vor einer endgültigen Entscheidung eine messbare Evaluation durchzuführen, abgelehnt. Wir werden also die Entscheidung am Donnerstag abwarten müssen.
 
Ich bin nach wie vor überzeugt, dass der Rundfunk auch in Zukunft einen eigen­ständigen Verbreitungsweg zum Hörer und Zuschauer braucht, der ihm eine weitgehende Unabhängigkeit garantiert. Wenn das im Bereich des Hörfunks DAB sein soll, wird sich das nur im Rahmen einer gemeinsamen Digitalisierungsoffensive durchsetzen lassen.
 
Lassen Sie mich im Folgenden zum lokalen Fernsehen kommen. Auf den ersten Blick sind hier die Ergebnisse der Funkanalyse erfreulich: Die Tagesreichweite ist bei den lokalen TV-Sendern um knapp 40 Tsd. auf 837 Tsd. Zuschauer gestiegen. Besonders deutlich ist die Steigerung beim Satellitenempfang mit einem Plus von 76 Tsd. Zuschauern ausgefallen. Hier zeigt sich einerseits die positive Tendenz, die wir erwartet haben, andererseits fällt sie nicht so eindeutig aus, wie erhofft und sie geht zudem einher mit einem Rückgang beim Kabelempfang. Dieses Ergebnis zeigt, dass wir noch nicht am Ziel sind. Lokalfernsehen ist insgesamt in Deutschland weiterhin in einer wirtschaftlich schwierigen Situation. Das haben nicht nur die Ergebnisse der letzten Studie zur Wirtschaft­lichkeit des Rundfunks in Deutschland vom vergangenen Herbst gezeigt, das wird auch aktuell bestätigt durch die Zahlen im neuen Jahrbuch der Landesmedienanstalten: Innerhalb nur eines Jahres haben 32 lokale Fernsehprogramme in Deutschland ihren Betrieb eingestellt. Der Schwerpunkt dieser Schließungen liegt in den neuen Ländern, wo die Bedingungen deutlich schwieriger sind als hier in Bayern. Dennoch zeigen auch die Ergebnisse der Funkanalyse, dass es weiterhin großer Anstrengungen sowohl im Programm- als auch im Marketingbereich bedarf, um das lokale Fernsehen entscheidend nach vorn zu bringen.
 
Dabei gibt es durchaus positive Ansätze: Das Lokal-TV-Portal ist inzwischen nicht nur zusätzlich zur bundesweiten Satellitenverbreitung in zwölf Ballungszentren auch über DVB-T empfangbar, vor allem beteiligen sich an dem Portal neben Bayern und Baden-Württemberg mittlerweile auch die Länder Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Mit weiteren Ländern sind wir in Gesprächen. Und schließlich ist inzwischen bei deutlich mehr als 50 Prozent der Empfangsgeräte für den Satellitenempfang das Lokal-TV-Portal auf dem Programmplatz 99 voreingestellt.
 
Der Beitrag des lokalen Fernsehens zur medialen Grundversorgung und Vielfalt in den einzelnen Regionen ist unbestritten. Dazu trägt auch ein Angebot wie Plenum.TV bei, das im Jahr 30 Beiträge von 3 bis 4 Minuten Länge aus dem Landtag produziert und in 16 ver­schiedenen, lokalisierten Versionen den lokalen Fernsehanbietern in Bayern zuliefert. Ergänzt werden diese Beiträge durch ein monatlich ausgestrahltes 15-minütiges Magazin. Diese Form einer lokalisierten politischen Berichterstattung ist in Deutschland einmalig. Das ist Grundversorgung und „Public Value“ im wahrsten Sinne des Wortes.
 
Und es hat eindeutig positive Effekte auf den sog. „Audience Flow“ bei RTL und auch bei Sat.1, also bei den Programmen, in die die lokalen und das landesweite Fernsehfenster eingebettet sind. So hat RTL in der Viertelstunde vor der Ausstrahlung der lokalen Fenster einen Marktanteil von 6 Prozent, während der Verbreitung der lokalen Fenster zwischen 18:00 und 18:30 Uhr verdreifacht sich dieser Marktanteil auf 17,5 Prozent und pegelt sich dann bei knapp 13 Prozent ein. Ähnlich ist es bei SAT.1: Vor 17:30 Uhr hat der Sender 5,2 Prozent Marktanteil. Das Fenster erreicht dann 13,5 Prozent. Mit 6 Prozent im Anschluss an das Fenster kann Sat.1 allerdings deutlich weniger von der großartigen Vorgabe von Sat.1 Bayern mitnehmen. Die nationalen Sender profitieren also von den lokalen und dem landesweiten Fenster in Bayern.
 
Dieses Ergebnis ist nicht überraschend. Wie bereits eingangs erwähnt, bestätigen auch neue Untersuchungen, dass lokale und regionale Berichterstattung bei den Menschen gefragt ist. Die Menschen schätzen das lokale Fernsehen wegen seiner lokalen Kompetenz. Für die Zuschauer bedeuten die lokalen Sender ein Stück Heimat in einem sich immer schneller verändernden Lebensumfeld. Sie möchten erfahren, was vor ihrer Haustüre passiert, in der lokalen Politik, in den Vereinen, in den lokalen Unternehmen.
 
Deshalb sind lokale Inhalte ein wichtiger Beitrag zur Meinungsbildung und ein bedeutender Teil des Lebensumfeldes vieler Menschen, das von Digitalisierung und Globalisierung geprägt ist. Lokaler Rundfunk ist authentisch, er unterstützt den Alltag und bietet Orientierung. Lokaler Rundfunk wirkt durch seine Aktualität und seine authentische Berichterstattung über das lokale Geschehen identitätsstiftend. Und das ist ein Wert, den nationale oder gar internationale Medienunternehmen, auch wenn sie sich im Lokalen engagieren, nicht bieten können. Ein Wert, den Sie immer wieder auf allen Kanälen, für alle Altersgruppen ausspielen müssen.
 
Lassen Sie mich noch kurz zu dem auch aus Sicht der BLM wichtigen Thema Aus- und Fortbildung kommen, das auch der VBL vor knapp 14 Tagen in einem Papier aufgegriffen hat: Die Forderung in diesem Bereich noch mehr als bisher auf crossmediale Ausbildung zu achten, machen wir uns gerne zu eigen. Wie viele von Ihnen wissen, sind die beiden Münchner Aus- und Fortbildungsprogramme Radio afk M94.5 und afk tv im April in neue, gemeinsame Büro-, Sende- und Produktionsräume im Medien-Businesspark „Media Works Munich“ gezogen, die alle Voraussetzungen für eine crossmediale Ausbildung bieten. Diese Möglichkeiten müssen und wollen wir konsequent auch für Volontäre und Jungredakteure der lokalen Hörfunk- und Fernsehstationen nutzbar machen. Wir brauchen in unseren Stationen einen zukunftsweisenden, crossmedialen und auf die Bedürfnisse der Nutzer abgestimmten Journalismus. Die beiden Hörfunksender afk m94,5 und afk max sowie der afk tv werden hier bei den Lokalrundfunktagen ein afk-live-lab durchführen, um crossmediale Anwendungen zu präsentieren. Außerdem weise ich Sie auf die Fachtagung Crossmedia des MedienCampusBayern hin, die morgen im Rahmen der Lokalrundfunktage von 11:00 bis 16:00 Uhr stattfinden wird.
 
Abschließend möchte ich Sie alle herzlich heute um 18:00 Uhr zum Besuch der Ausstellung „Wege in die Moderne“ im Germanischen Nationalmuseum einladen. Es geht dabei um Weltausstellungen, Medien und Musik im 19. Jahrhundert. Die medientechnischen Entwicklungen von Telegraph, Telefon und neuen Reproduktionstechniken haben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht nur erstmals eine tagesaktuelle, sondern auch eine globale Berichterstattung ermöglicht und damit eine Entwicklung eingeleitet, die noch heute anhält. – Als pragmatisch veranlagter Mensch kann ich den Besuch der Ausstellung auch unter dem Gesichtspunkt empfehlen, dass Sie dann bereits an dem Ort sind, an dem im Anschluss das traditionelle Medienfest stattfindet.

Uns allen wünsche ich in den kommenden beiden Tagen interessante Veranstaltungen, spannende Diskussionen und anregende Gespräche.