Cookie Hinweis

Archiv / Suche:

Zurück zur vorherigen Seite

Grußwort von BLM-Präsident Siegfried Schneider zur Veranstaltung „Tendenzen im digitalen Journalismus“ am 24. März 2015

24.03.2015 | P&R / 2015

Sehr geehrter Herr Generalkonsul, lieber Bill,
sehr geehrte Referentinnen und Referenten,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
 
Journalismus ist die „hauptberufliche Tätigkeit von Personen, die an der Sammlung, Prüfung, Auswahl, Verarbeitung und Verbreitung von Nachrichten, Kommentaren sowie Unterhaltungsstoffen durch Massenmedien beteiligt sind“. Diese Definition stammt nicht von mir, sondern aus einem Handbuch der Massenkommunikation aus dem Jahr 1981. Seitdem hat sich die Medienwelt vor allem durch das Internet gravierend verändert.
 
Das System Journalismus erlebt derzeit einen gewaltigen Strukturwandel: Im Internet wird das früher eher passive Publikum plötzlich selbst zu Autoren, die recherchieren und schreiben, bewerten und kommentieren. Das erhöht einerseits die Partizipation, anderer­seits hält nicht alles, was online publiziert wird, journalistischen Kriterien stand.
 
Im Netz wächst die Flut der Nachrichten – ganz gleich ob Journalismus oder Laien-Publizistik. Dabei ist eine Tendenz zur Boulevardisierung, Skandalisierung und zuweilen auch Banalisierung nicht zu übersehen. Längst ist das Angebot so groß, dass mancher im crossmedialen Informationsstrudel die Orientierung verliert.
 
Das Internet hat einen umfassenden Strukturwandel der Öffentlichkeit ausgelöst: Fast alle Nutzer sind vernetzt. Durch die mobilen Geräte werden Informationen immer schneller zugänglich. Zugleich aber tragen eine fragmentierte Medienlandschaft und soziale Netzwerke dazu bei, dass die Öffentlichkeit in Teilöffentlichkeiten zerfällt.
 
Auch das Verhältnis zwischen Publikum und Journalisten ändert sich: Im Internet bestimmen vor allem bei jungen Nutzern die Facebook- oder Twitter-Timeline bzw. der Google-Algorithmus, welche Meldungen wahrgenommen, ver- oder geteilt, „geliked“ oder „geshared“ werden. Hinzu treten neue Intermediäre wie Yahoo News Flipboard, BuzzFeed oder Heftig.co. Und die Leser unterscheiden kaum noch zwischen Journalismus und anderen, oft interessengeleiteten Quellen.
 
Trotz oder gerade wegen der riesigen Menge von Informationsangeboten: Viele Leser, Zuschauer und Hörer fühlen sich offenbar nicht mehr so informiert, wie sie sich das wünschen. Das Fachmagazin journalist schrieb Anfang März in einer Titelgeschichte über eine „Beziehungskrise zwischen Medienmachern und Medienkonsumenten“. Verschwörungstheoretiker benutzen neuerdings das Wort „Lügenpresse“ und bezichtigen die klassischen Medien der Propaganda oder zumindest der Desinformation. Experten warnen vor einer Glaubwürdigkeitskrise des Journalismus.
 
Und die Journalisten? Einige von ihnen sehen sich inzwischen öffentlicher Schmähkritik ausgesetzt. Auf dem Titelblatt der aktuellen Ausgabe des Magazins Medium prangen in großen Lettern die drei Begriffe „beschimpft, bepöbelt, bedroht“. Cordt Schnibben beklagte Ende Februar im Spiegel, Journalisten würden von einem Teil des Publikums mehr oder minder pauschal als willfährige Helfer dubioser Interessen abgekanzelt.
 
Angesichts der beschriebenen Glaubwürdigkeitskrise der Medien kommen wir an der Qualitätsdebatte nicht vorbei. Dazu ein paar grundsätzliche Anmerkungen: Medien erfüllen in unserer demokratischen Gesellschaft eine Reihe normativer Funktionen. Genauso wichtig wie ihr Informationsauftrag ist es, Orientierung und Partizipation zu ermöglichen und politische Entscheidungsprozesse mit Kritik und Kontrolle zu begleiten.
 
Die Kriterien für publizistische Qualität liegen auf der Hand und haben sich in den letzten 20 Jahren nicht verändert: Dazu gehören außer Aktualität der Berichterstattung, Ausgewogenheit und Vielfalt auch Glaubwürdigkeit, Verantwortungsbewusstsein und journalistische Professionalität. Immer wichtiger wird die Vermittlung von Hintergrund- oder Orientierungswissen. Das alles gilt auch für die neuen Formen des digitalen Journalismus.
 
Gerade das Internet kann gegen den grassierenden Glaubwürdigkeitsverlust eine Menge mehr leisten als bisher. Online sind neue crossmediale Darstellungsformen möglich. Außerdem verfügt kein anderes Medium über einen solch effektiven Rückkanal, kann also Nutzer direkt einbinden. Erste Studien haben allerdings gezeigt, dass die klassischen Medien in Deutschland die Online-Partizipationspotenziale bisher nur unzureichend ausschöpfen.
 
Bislang nutzt der digitale Journalismus das World Wide Web vor allem als zusätzliche Plattform für herkömmliche Inhalte. Bei den meisten Online-Angeboten ist der Dialog mit dem Publikum noch immer unterentwickelt. Außerdem sollten sich Redaktionen experimentierfreudiger im Umgang mit multimedialen Recherche- und Erzählformen zeigen.
 
Wer die Zukunft des Journalismus angesichts der digitalen Umbrüche unseres medialen Öko-Systems sichern will, muss die Rezipienten ernst nehmen und am digitalen Journalismus teilhaben lassen. Daraus resultiert eine Win-Win-Situation, von der Leser und Journalisten gleichermaßen profitieren. Online-Partizipation verbessert die Recherche, die Aktualität und die Vielfalt der Themen – und ist das beste Mittel gegen die bereits angesprochene Medienverdrossenheit.
 
Der sogenannte Roboterjournalismus, bei dem Algorithmen aus Datensätzen automatisch Texte generieren, kann dazu beitragen, dass Redaktionen – etwa bei Wetter-, Börsen- oder Staumeldungen – von Routineaufgaben entlastet werden, um mehr Zeit für genuin journalistische Aufgaben wie Recherche und Leserdialog zu gewinnen.
 
Auch der Datenjournalismus bietet eine Fülle von Möglichkeiten. Noch aber fehlt vielen Journalisten für den Umgang mit digitalen, öffentlich zugänglichen Daten, also für deren Sammlung, Analyse und journalistische Aufbereitung, das Handwerkszeug. In diesem Bereich sind Aus- und Weiterbildung gefragt. Wer die Zukunft gestalten will, muss denen eine Zukunft geben, von denen die Zukunft gestaltet wird: Deshalb spielt für die BLM die Aus- und Fortbildung eine wichtige Rolle. Von zentraler Bedeutung sind dabei nicht nur journalistische Vermittlungskompetenz oder technische Fertigkeiten, sondern auch publizistische, soziale und ökonomische Sach-, Fach- und Handlungskompetenz.
 
Wenn sie mich nach meiner eigenen Prognose für die Zukunft des Journalismus fragen, halte ich es mit Victor Hugo: „Die Zukunft hat viele Namen. Für die Schwachen ist sie das Unerreichbare. Für die Furchtsamen ist sie das Unbekannte. Für die Tapferen ist sie die Chance.“
 
Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Ich darf das Mikrofon an den US-Generalkonsul übergeben.