Cookie Hinweis

Archiv / Suche:

Zurück zur vorherigen Seite

Grußwort von Siegfried Schneider zum Audiovisual Media Day 2015

22.04.2015 | P&R / 2015


Sehr geehrte Frau Glinski,
sehr geehrter Herr de Buhr,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
 
herzlich willkommen zum Audiovisual Media Day hier im Haus der Bayerischen Wirtschaft. Wenn man regelmäßig die Meldungen aus unserer Branche verfolgt, drängt sich der Eindruck auf, dass das Thema Bewegtbild in unterschiedlichen Facetten die aktuellen Diskussionen mehr als jedes andere Thema bestimmt: Vor knapp zwei Wochen wurde gemeldet, dass YouTube ein neues Video-Abo-Angebot plant, das ungefähr zehn Dollar im Monat kosten soll, dafür aber werbefrei sein wird. Etwa zur gleichen Zeit wurde bekannt, dass der französische Medienkonzern Vivendi den YouTube-Konkurrenten Dailymotion für 237 Mio. Euro übernehmen will. Zudem ging das Gerücht um, dass Vivendi den britischen Pay-TV-Anbieter Sky übernehmen will, zu dem mittlerweile auch Sky Deutschland und Sky Italia gehören. Auf der South by Southwest in Austin Mitte März war die Livestreaming-App Meerkat in aller Munde. Fast zeitgleich hat Twitter den Meerkat-Konkurrenten Periscope gekauft. Vor drei Wochen wurde gemeldet, dass die Burda Programmzeitschrift TV Spielfilm noch in diesem Jahr ein eigenes Live-TV-Angebot mit etwa 80 Programmen starten wird. Apple meldet, dass es in absehbarer Zeit ein neues Streaming-Angebot in den Markt bringen wird. Daran, dass wir regelmäßig von neuen Rekordzahlen für die Video-on-Demand-Nutzung und die mobile Bewegtbild­nutzung lesen, haben wir uns bereits gewöhnt. – Sie haben also gut daran getan, heute hier zu sein, denn hier und heute geht es genau um dieses Thema: Bewegtbild und alles was damit in Verbindung steht.
 
Ich möchte in meinem Grußwort kurz zwei Themen ansprechen, die heute im Laufe des Tages sicher eine Rolle spielen werden. Da ist einmal das nicht ganz neue Phänomen der Echtzeitvideoübertragung. Die Stichworte Meerkat und Periscope sind schon gefallen. Und da ist zum zweiten der Wunsch nach einer von allen Playern akzeptierten allgemein gültigen Währung für Bewegtbild, die vor allem von der OWM (Organisation Werbung­treibende im Markenverband) vehement gefordert wird.
 
Wie schnell neue Marken und Dienste in aller Munde sind, sieht man an Meerkat und Periscope. Livestreaming bietet völlig neue Möglichkeiten, aber eben auch Probleme. Ich bin sicher, vor allem auf ersteres wird Thomas de Buhr in seiner anschließenden Keynote u.a. eingehen. Vor einem knappen Monat hatten wir in der BLM eine Kooperations­veranstaltung mit dem US-Generalkonsulat zur Zukunft des digitalen Journalismus und auch da waren Meerkat und Periscope selbstverständlich ein Thema: Inwieweit wird Livestreaming den digitalen Journalismus verändern? Haben wir es hier eher mit einem netten Spielzeug zu tun oder mit einem wichtigen Aspekt zukünftigen journalistischen Arbeitens? Journalisten, die mit Livestreaming arbeiten werden dabei auch unbeteiligte Personen filmen, die vorher nicht um Erlaubnis gefragt wurden. Was bedeutet das für die Persönlichkeitsrechte, das Recht am eigenen Bild? Auch das Urheberrecht kann tangiert sein, etwa wenn man einen Film abfilmt oder eine kostenpflichtige Veranstaltung wie diese. Und schließlich stellt sich die Frage, ob regelmäßige Übertragungen über Meerkat oder Periscope nicht Rundfunk ist und entsprechend behandelt werden muss.
 
Eher um Fragen des Jugendmedienschutzes geht es bei der Plattform „YouNow“.  „Sende dein Programm“ ist deren Motto. YouNow wurde vor drei Jahren gegründet und hat vor einigen Monaten in Deutschland plötzlich einen riesigen Boom erlebt. In der Rangliste der am häufigsten geladenen Programme für das Apple-Betriebssystem iOS nahm YouNow Anfang April etwa Platz 20 ein. Genutzt wird es vor allem von Kindern und Jugendlichen. Und hier liegt das Problem: Kinder und Jugendliche können durch die integrierte Chatfunktion leicht zu Opfern von sexuellen Belästigungen werden. Zwar betont YouNow, dass die Plattform rund um die Uhr von deutschsprachigen Moderatoren überwacht werde, musste aber gleichzeitig eingestehen, dass es dabei durch die rasant gestiegene Nutzung immer wieder Schwierigkeiten gegeben hat. – Was der Trend zum Livestreaming letztlich für unsere Gesellschaft bedeutet, kann aktuell kaum jemand endgültig abschätzen. Wir erleben aber, dass neben den Aspekten Zeitunabhängigkeit und Personalisierung, die unseren Medienkonsum immer mehr bestimmen, der Aspekt Echtzeit eine immer wichtigere Rolle spielt. Für den Journalismus bedeutet das, dass er immer mehr ein Begleiter über den Tag wird und dass eine Berichterstattung eigentlich nie abgeschlossen ist. Am Beispiel YouNow erleben wir, dass wir uns immer mehr einer Abschaffung des Privaten nähern.
 
Mit der Frage nach dem Geschäftsmodell von YouNow und Meerkat sind wir beim zweiten Themenaspekt, den ich kurz ansprechen möchte. YouNow und Meerkat setzen wie YouTube, RTL und ProSieben auf das Werbemodell. Alle stehen dabei in Kon­kurrenz zu einander. Onlinevideos sind der große Trend im Marketing. Eine neue Studie von Zenith-Optimedia belegt, dass Onlinevideos 2014 mit einem Zuwachs von 34 Prozent auf mehr als 11 Milliarden US-Dollar weltweit die am stärksten wachsende Werbeform waren. Und dieser Trend soll sich in den kommenden Jahren fortsetzen. Bewegtbildwerbung dominiert auf allen Bildschirmen. Aber wo finden die meisten Kontakte statt und wie lassen sie sich vergleichen? Das ist eine der entscheidenden Fragen und noch ist sie offenbar nicht gelöst. Was die Debatte kompliziert und unübersichtlich macht, ist die Tatsache, dass die klassischen TV-Veranstalter und die Internetunternehmen das Thema aus völlig unterschiedlichen Blickwinkeln angehen. Die TV-Veranstalter setzen auf halbwegs stabile lineare Reichweiten und zusätzliche Nutzung aus den Mediatheken, während Multichannelanbieter auf Audience Buying und Targeting setzen. Für Werbungtreibende ist der Bewegtbildmarkt immer noch in hohem Maße intransparent. Das ist ein Problem,  das dringend gelöst werden muss. Genau das fordert der Kundenverband OWM und macht entsprechend Druck. Wir haben heute Morgen Frau Hollerbach-Zenz, die Vorstandsvorsitzende der AGF auf einem  Panel. Die AGF ist eine der entscheidenden Größen im Hinblick auf eine gemeinsame Währung für Bewegtbild. Vielleicht erfahren wir ja auch etwas, an welcher Wegmarke wir auf dieser Strecke derzeit stehen.
 
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
 
Bewegtbild hat viele Facetten, zwei davon, die nicht im Mittelpunkt des heutigen Programms stehen, wollte ich kurz ansprechen, zahlreiche weitere kommen im Laufe dieses Tages zur Sprache. Ich wünsche uns allen spannende Vorträge und Diskussionen und einen entspannten Austausch beim abschließenden Abendempfang.