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Grußwort von BLM-Präsident Siegfried Schneider zur Eröffnung der Lokalrundfunktage am 30. Juni 2015

30.06.2015 | P&R / 2015

- Es gilt das gesprochene Wort! -
 
 
Sehr geehrter Herr Dr. Maly,
sehr geehrter Herr Freller,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
 
herzlich willkommen zu den 23. Lokalrundfunktagen in der Messe Nürnberg. „Warum der lokale Rundfunk im Medienwandel einen Heimvorteil hat“, ist das Motto der diesjährigen Lokalrundfunktage. Und es ist zweifellos das zentrale Thema, das die lokalen Radio- und Fernsehanbieter nicht nur in Bayern derzeit beschäftigt. Dazu gibt es 20 Workshops mit 60 Referenten, in denen es u.a. um die Profilierung der eigenen Marke, die Entwicklung neuer Formate und die Nutzung von Social Media und User Generated Content gehen wird. Es war immer ein Merkmal der Lokalrundfunktage, dass wir offen sind für die Erfahrungen anderer lokaler Medienmärkte. Deshalb haben wir auch in diesem Jahr wieder insgesamt neun Referentinnen und Referenten aus Österreich, der Schweiz, Dänemark, Großbritannien und den USA eingeladen. Allen Referenten an dieser Stelle ein herzliches Willkommen. Ergänzt werden die Workshops am heutigen Eröffnungstag durch sechs Präsentationen von Ausstellern. Auch Sie darf ich herzlich begrüßen. Mein besonderer Dank und Gruß gilt schließlich den Partnern und Sponsoren der Lokalrund­funktage, die diese Veranstaltung erst möglich machen.
 
Die digitale Transformation, manche sprechen gar von digitaler Disruption, zwingt sowohl Sie als Anbieter als auch uns als BLM intensiv über die Zukunft des lokalen Rundfunks nachzudenken. Ich bin überzeugt, dass wir an einem Scheidepunkt stehen, an dem ein „einfach weiter so“ nicht mehr funktioniert. Der Prozess des digitalen Umbruchs ist längst nicht abgeschlossen. Dies gilt für die inhaltliche Seite ebenso wie für den Werbemarkt. Facebook bietet vermehrt redaktionelle Inhalte an. Apple sucht Redakteure, um journalistische Content zu produzieren. Unternehmen wie Buzzfeed, Vice und viele andere generieren immer höhere Zugriffsraten auch für journalistische Inhalte. Möglicherweise sind sie die Medienkonzerne der Zukunft. Neben Google, Apple und Facebook tritt mit Amazon der vierte große Player mit Macht in den Medienmarkt. Alle diese Unternehmen haben den großen Vorteil, dass sie über ganz andere Daten ihrer Nutzer und Kunden verfügen als klassische Medienunternehmen.
 
Es ist gut für die lokalen Medien, dass die Ministerpräsidenten vor knapp 14 Tagen ein Verbot regionaler Werbung in nationalen TV-Programmen beschlossen haben. Aber machen wir uns nichts vor, Google, Facebook und Co. sind für Verlage und lokale/regionale Rundfunkanbieter eine weit größere Bedrohung als nationale TV-Sender. Das Werbebudget eines Mittelständlers für Lokalradio oder lokales Fernsehen ist schnell anders investiert, zumal die Einstiegspreise bei Angeboten wie Facebook Local Awareness Ads als moderat gelten. Um Unternehmen wie Google, Facebook und Amazon etwas entgegensetzen zu können, müssen sich die lokalen Medien einerseits auf ihre Stärken besinnen und sie konsequent ausspielen und andererseits ähnliche Modelle entwickeln.
 
Man darf weder Schwarzmalen, noch die Entwicklungen ignorieren. Jeder muss die richtigen Schlüsse daraus ziehen, auch die BLM. Der Hörfunk verliert derzeit Marktanteile im Werbemarkt und er verliert sie vor allem an die Online- und die Mobilwelt. Und auch im Hörermarkt ist die Entwicklung schwierig, weil sowohl die Tagesreichweite als auch die Hördauer zurückgehen. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist, dass Spotify, der größte Streaming-Anbieter, beginnt Nachrichten, Comedy, Hörbücher, Videos usw. in sein Angebot einzubauen und es damit nicht nur über die Musik zu individualisieren. Spotify muss investieren, weil sich das Music-only-Angebot zumindest bisher nicht rechnet und das Unternehmen tief in den roten Zahlen steckt. Allerdings besitzt Spotify wichtige Target-Daten seiner Nutzer – das Öl des 21. Jahr­hunderts – und entsprechend steigen die Werbeerlöse zweistellig. Die Hörfunkbranche wird sich letztlich überlegen müssen, ob, und wenn ja, wie sie mit Spotify kooperieren will.
 
Was können Sie tun? Und was kann die BLM für Sie tun? Wir haben im vergangenen Herbst angefangen zu analysieren, wie sich der lokale Hörfunk angesichts der digitalen Transformation weiterentwickeln wird. „Hörfunk 2020“ ist der programmatische Titel dieses Konzepts, zu dem eine Reihe von Ihnen mit Ihrem Praxiswissen beigetragen haben. Wir diskutieren derzeit die Handlungsempfehlungen in den Gremien und werden dann nach der Sommerpause schrittweise mit der Umsetzung beginnen. Die wichtigsten Aspekte liegen dabei auf der Hand: Die Lokalität stärken und ausbauen; die Vielfalt erhalten; die Wirtschaftlichkeit sicherstellen und die Professionalität verbessern.
 
Lokalität stärken kann u.a. heißen: Ausbau lokaler Sendezeiten, erhöhte Frequenz von Lokalnachrichten, Schaffung eines attraktiven Angebots für jüngere Hörer mit einer stärkeren Berücksichtigung zielgruppenrelevanter Themen, Verbesserung der Zuliefer­programme. Auch bei programmlichen Kooperationen, die wir nicht kategorisch ausschließen wollen, muss auf die Beibehaltung der Lokalität geachtet werden. Wenn man die Lokalität zentral in den Vordergrund stellt, dann muss man auch die Vielfalt erhalten, denn sie ist ein Aspekt der Lokalität. Das gilt auch für das Thema Kooperationen. Wir wollen und wir brauchen Kooperationen. Definitiv bei der Vermarktung, die wir optimieren müssen, bei dem Thema „Research“, bei dem wir in Kooperationen einsteigen müssen und auch bei programmlichen Aspekten. Wir dürfen dabei aber nicht die Kernpunkte aus den Augen verlieren: Stärkung von Lokalität und Vielfalt.
 
Was die Verbesserung der Wirtschaftlichkeit angeht, gibt es zwei Punkte, die nicht in unserer Hand liegen, von deren Erfüllung aber sowohl der lokale als auch der landesweite Hörfunk profitieren würden: die Reduzierung der Hörfunkwerbung im öffentlich-recht­lichen Rundfunk auf 60 Minuten in einem Programm und eine möglicherweise gerichtliche Entscheidung, dass der Bayerische Rundfunk seine Pläne mit BR Puls nicht umsetzen darf. Es reicht allerdings nicht aus, wenn wir uns nur auf die Politik und die Gerichte verlassen. Wir müssen selbst dafür sorgen, dass die lokalen Angebote gerade im Netz die vorhandenen Plattformen und Ausspielwege nutzen und wir müssen die Auffindbarkeit der lokalen Angebote verbessern. Ein noch wichtigerer Punkt ist die Optimierung der Vermarktung der lokalen Stationen. Dazu wird es in den kommenden Wochen Gespräche geben.
 
Der Punkt Professionalisierung beinhaltet verschiedene Aspekte, die jedoch im Prinzip alle bei der Aus- und Fortbildung ansetzen. Wir haben unseren Etat für Aus- und Fort­bildungsmaßnahmen deutlich erhöht. Waren es 2014 noch insgesamt 36 Tage, an denen Aus- und Fortbildungsworkshops stattgefunden haben, sind es in diesem Jahr bereits 78 Tage und im Herbst werden weitere Angebote hinzukommen. In einer Zeit, in der jeder im Internet in Blogs, Foren, auf Facebook, YouTube usw. quasi zum Journalisten werden kann, ist es umso wichtiger, dass sich die Mitarbeiter der Rundfunkstationen durch professionelle und qualitativ hochwertige Programmbeiträge positiv abheben. Und wir werden einem lang gehegten Wunsch der Anbieter nachkommen, indem wir die Aus- und Fortbildungsangebote um den Aspekt Vermarktung/Verkauf ausbauen werden.
 
Auch innovate:media mit seinen Teilprojekten, speziell dem media.lab, sollen vor allem die lokalen Radio- und Fernsehanbieter im Prozess des Medienwandels unterstützen. Das media.lab, das in den kommenden Wochen seine Arbeit aufnehmen wird, ist einerseits ein Workspace und andererseits ein Stipendienprogramm zur Projektentwicklung von Medieninnovationen vor einer Startup-Gründung. Im media. lab können Projektteams Gründerideen für den Medienbereich entwickeln. Es soll ein Ort zum Ausprobieren werden und dieses Ausprobieren soll vor allem auch den lokalen Medienunternehmen zugute­kommen. Ich möchte Sie an dieser Stelle nochmal ermuntern, dieses Angebot bzw. diese Angebote wahrzunehmen.
 
Die technische Verbreitung über alle Plattformen ist ein weiteres Stichwort. Aus unserer Sicht muss ein Radiosender zumindest in den nächsten zehn Jahren sowohl über UKW als auch über das Internet und DAB ausgestrahlt werden. Wir glauben an DAB, deshalb fördern wir die Verbreitungskosten für lokale und regionale DAB-Angebote mit mehr als 50 Prozent. Ein durchschlagender Erfolg von DAB wird sich generell aber nur einstellen, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Deshalb macht es sehr viel Sinn, dass das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur für die Einführung von DAB in Deutschland ein Digitalradio-Board ins Leben gerufen hat, bei dem Vertreter aller Marktbeteiligten einschließlich der Automobilindustrie mit im Boot sind. – Ebenso sinnvoll ist eine neue Arbeitsgruppe der Landesmedienanstalten, die sich mit der Frage beschäftigt, wie man die DAB-Technologie optimal für Lokalradio nutzen kann.
Entscheidend ist, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk bei der Einführung von DAB eine Vorreiterrolle spielt und sehr hilfreich wäre es, wenn vor allem für Lokalradio eine Unterstützung für die Simulcastphase gefunden werden würde.
 
Das Lokalfernsehen hat diese Unterstützung derzeit noch bis Ende 2016. Und die aktuellen Zahlen der Funkanalyse zeigen ganz deutlich, wie notwendig die digitale Satellitenverbreitung ist. Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass der Verbreitungsweg Kabel sowohl bei der Empfangbarkeit als auch bei der Nutzung seit 2012 rückläufig ist. Wir werden im Anschluss in der Präsentation von Infratest sehen, dass das lokale Fernsehen bei der Tagesreichweite zugelegt hat, aber nur deshalb, weil die nicht geringen Verluste im Kabel durch eine stärkere Zunahme bei der Satellitennutzung mehr als ausgeglichen wurde.
 
Mit der zunehmenden Digitalisierung des Kabels muss sich das lokale Fernsehen mit erschwerten Wettbewerbsbedingungen auseinandersetzen. Im digitalen Kabel stehen die lokalen Angebote derzeit nur in SD-Qualität zur Verfügung, während RTL als Träger der lokalen Fernsehprogramme bereits in HD-Qualität - dann aber ohne Fenster – aus­gestrahlt wird. Wenn in wenigen Jahren die Hauptnutzung von Fernsehen in HD-Qualität erfolgen wird und man sich heute schon Gedanken über eine eventuelle SD-Abschaltung über Satellit macht, dann muss Lokal-TV in Zukunft in HD angeboten werden, sonst besteht die Gefahr, dass es zu deutlichen Reichweitenverlusten kommt. Gleichzeitig bedarf es weiterer Marketinganstrengungen, um auch die etwa 25 Prozent Satelliten­haushalte zu erreichen, die bisher Lokal-TV nicht einprogrammiert haben, weil sie nicht wissen, dass sie es empfangen können bzw. an technischen Problemen scheitern.
 
Auch für das lokale Fernsehen wird die Konkurrenzsituation in Zukunft nicht einfacher. Der Bewegtbildmarkt ist das Marktsegment, das am meisten in Bewegung ist und in dem permanent neue Angebote gestartet werden. Dazu kommt, dass der Bayerische Rundfunk plant, ab 2016 wie andere Landesrundfunkanstalten um 20:00 Uhr die Tagesschau zu übernehmen und dafür die Rundschau sowohl zeitlich zu verlegen, als auch vor allen Dingen inhaltlich wesentlich regionaler auszurichten.
 
Wie werden diese und weitere Entwicklungen sorgfältig analysieren müssen. Daran arbeitet mittlerweile in der BLM ähnlich wie für den Hörfunk eine eigene Arbeitsgruppe, die ihre Ergebnisse Ende dieses Jahres vorstellen wird.
 
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
 
vor einigen Tagen hat die BLM ihren 30. Geburtstag gefeiert. Ich habe bei der Gelegen­heit daran erinnert, dass ich das Amt des Präsidenten der BLM vor knapp vier Jahren angetreten habe mit dem festen Vorsatz, den lokalen und regionalen Rundfunk zu sichern und zu stärken. Ich kann Ihnen heute versichern, das ist und bleibt mein wichtigstes Ziel, solange ich dieses Amt ausübe. Vor uns allen liegt viel Arbeit, aber wir haben auch einen großen Trumpf in der Hand: Wir haben den Heimvorteil im Medienwandel und den müssen wir konsequent und auf allen Ebenen ausspielen.
 
Uns allen wünsche ich in den kommenden beiden Tagen interessante Veranstaltungen, spannende Diskussionen, anregende Gespräche und heute Abend ein entspanntes Medienfest im Germanischen Nationalmuseum.