Cookie Hinweis

Archiv / Suche:

Zurück zur vorherigen Seite

Grußwort von BLM-Präsident Siegfried Schneider bei den Augsburger Mediengesprächen 2015 am 5. Oktober 2015

06.10.2015 | P&R / 2015

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der Augsburger Medien,
sehr geehrte Podiumsgäste,
meine sehr geehrten Damen und Herren,
 
ich freue mich, Sie heute zu den 13. Augsburger Mediengesprächen begrüßen zu dürfen. Zunächst möchte ich mich bei den Gesellschaftern, Geschäftsführern und Mitarbeitern der Augsburger Hörfunk- und Fernsehsender, aber auch bei der Augsburger Allgemeinen für die Zusammenarbeit und Unterstützung bedanken. Sie haben die Augsburger Medienge­spräche damit zu einem festen Bestandteil der hochkarätigen Medienveranstaltungen in Bayern gemacht. Mein Dank gilt selbstverständlich auch der Stadt Augsburg und ihrem Oberbürgermeister, Dr. Kurt Gribl. Die Stadt stellt uns seit Jahren ihre repräsentativen Räume hier im Rathaus unentgeltlich für diese Veranstaltung zur Verfügung.
 
Die 13. Augsburger Mediengespräche widmen sich dem Thema „TV im Umbruch: Wie YouTube, Netflix und Co. die Fernsehwelt verändern“. Ich bin überzeugt, wir haben damit ein Thema gefunden, das aktuell den Nerv der Medienwelt trifft, wie kaum ein anderes. Das Thema Bewegtbild ist derzeit eines der wichtigsten Themen der Medienbranche, der Bewegtbildmarkt ist wie kaum ein anderer Medienmarkt in Bewegung: Das klassische Fernsehen hat in den letzten Jahren zunehmend Konkurrenz aus dem Internet bekommen. Kostenfreie und entgeltpflichtige Bewegtbildangebote in Mediatheken, Onlinevideotheken und Videoplattformen konkurrieren um die Aufmerksamkeit des Publikums. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht neue Angebote angekündigt werden. Und Bewegtbilder sind längst nicht mehr nur dem klassischen Fernsehen oder Videoportalen vorbehalten. Live-Streaming-Apps wie Periscope oder Angebote wie YouNow sorgen mittlerweile dafür, dass Video-Inhalte in Echtzeit zum Bestandteil sozialer Online-Netzwerke werden. Auch Social Media Netzwerke wie Snapchat und Instagram entwickeln eigene Bewegtbild-Darstellungsformen.
 
Gewinner der rasanten Bewegtbildentwicklung sind auf alle Fälle die Zuschauer. Sie profitieren von der großen Konkurrenz, die den Bewegtbildmarkt bestimmt. Soviel attraktiven Content gab es nie zuvor auf allen Kanälen, zu jeder Zeit und an jedem Ort. Der Nutzer kann heute sehr viel gezielter als je zuvor von ihm gewünschte Bewegt­bildinhalte auswählen. Dabei ändert sich das Nutzungsverhalten in vielerlei Hinsicht, es wird vor allem individueller und mobiler. Wir leben in einer ausdifferenzierten Medien­landschaft mit einem fragmentierten Publikum. Unterschiedliche Lebensstile, Bedürfnisse und Wertvorstellungen sorgen dafür, dass sich jeder Nutzer individuell aus einem riesigen Angebot von TV-Sendungen und Online-Videos bedient. Video-on-Demand gewinnt weiterhin an Attraktivität und auch YouTube wird immer mehr zum Alltagsmedium nicht nur in der ganz jungen Zielgruppe. Doch obwohl das klassische werbefinanzierte Fernsehen unter Druck gerät, funktioniert das Geschäftsmodell bis heute gut.
 
Allerdings gehen viele Experten davon aus, dass es seinen Zenit erreicht, wenn nicht bereits überschritten hat. Andere gehen in ihrer Einschätzung noch weiter. Nach ihrer Auffassung ist das klassische Fernsehen tot, wenn nicht heute, dann spätestens in 10 Jahren. Wenn es möglich ist, alle Sendungen, Filme, Serien usw. unabhängig von festen Sendezeiten jederzeit und an jedem Ort über ein mobiles Gerät zu sehen, warum sollte sich noch irgendwer klassisches Fernsehen antun, wo dem Nutzer all das fest vorgegeben wird? Aber wird es wirklich so kommen? Von den Experten wird immer das ganz junge Publikum als Kronzeuge für ihre These benannt. Die Erfahrungen der letzten Jahre im Printbereich zeigen, dass die Entwicklungen meist deutlich langsamer verlaufen, als das von zukunftseuphorisierten Experten vorhergesagt wird.
 
Richtig ist, dass sich das Nutzungsverhalten deutlich ändert. Vor allem die jungen Zielgruppen suchen sich heute ihre Inhalte über Tablet-PC und Smartphone. Sie finden dort u.a. die Angebote neuer, finanzstarker Konkurrenten wie Amazon und Netflix und natürlich auf Videoplattformen wie YouTube. Man muss nicht so weit gehen wie Apple-Chef Tim Cook, der bereits im vergangenen Herbst sagte:“ Wenn wir mal ehrlich sind, dann sitzt das Fernsehen in den Siebzigerjahren fest. Fernsehen fühlt sich an, als würde man eine Zeitmaschine betreten und rückwärts reisen.“ (zitiert nach SZ, 24.03.2015, S. 19).
 
Tatsache ist, dass die Nutzung von Video-on Demand weiterhin stark zunimmt. Nach einer Erhebung des Beratungs- und Forschungsunternehmens Goldmedia vom Februar 2015 nutzen bereits 35 % aller Deutschen, die über einen Internet-Anschluss verfügen, VoD-Angebote. Im September 2014 waren es noch rund 20 Prozent.
 
Eine sehr ernst zu nehmende Konkurrenz sowohl für klassische Fernsehanbieter als auch für Streaming-Dienste ist YouTube. Ebenfalls eine Studie von Goldmedia hat ermittelt, dass Anfang dieses Jahres 40 Prozent der 18- bis 29-jährigen deutschen Onliner täglich auf YouTube unterwegs waren. Bei den 30- bis 49-Jährigen waren es 16 Prozent und bei den über 50-Jährigen immer noch acht Prozent. Die wöchentliche Nutzung lag bei allen Altersgruppen im Durchschnitt bereits bei über 50 Prozent. Insgesamt hat YouTube derzeit weltweit über eine Milliarde Nutzer. Es ist also ein nachvollziehbares Fazit, wenn man anhand der vorliegenden Zahlen zu dem Ergebnis kommt: YouTube wird bzw. ist Alltagsmedium. Und auch Facebook darf man in diesem Zusammenhang auf keinen Fall vergessen. Facebook ist im Bereich der Online-Videos der größte Konkurrent von YouTube.
 
Wenn man von YouTube spricht, muss man auch die Multi Channel Netzwerke und ihre Rolle für YouTube erwähnen. Multi Channel Netzwerke sind Unternehmen, die Künstler auf YouTube bei der Produktion und Vermarktung unterstützen. Sie haben auch dafür gesorgt, dass sich die Videos auf YouTube nicht mehr vor Fernsehinhalten verstecken müssen und sich die YouTube-Szene innerhalb nur weniger Jahre professionalisiert hat. Das erste große deutsche Multi Channel Network war Mediacraft, das 2011 gegründet wurde. Neben Mediacraft zählen heute Divimove (RTL), Studio71 (ProSiebenSat.1) und TubeOne Networks zu den großen deutschen Multi Channel Netzwerken. Das größte Netzwerk weltweit sind die Maker Studios, die dabei sind, eine deutsche Dependance in Köln zu eröffnen. Und auch YouTube selbst hat mit dem YouTube Space Berlin eine Videoproduktion eröffnet, in dem YouTuber lernen, wie man Videos professionell produziert. Wir erleben hier also eine weiter fortschreitende Professionalisierung, denn natürlich weiß YouTube bzw. Google: der Weg zu mehr Werbeeinnahmen führt vor allem auch über professionellere Inhalte. Daneben spielen aber auch die Authentizität der Künstler und die Nähe zwischen Künstler und Publikum eine entscheidende Rolle.
 
Zwei dieser bekannten deutschen YouTuber haben wir heute hier: Joyce Ilg, Schau­spielerin, Entertainerin und erfolgreiche YouTuberin und Sebastian Meichsner, einer vom Trio von Bullshit TV. Wir sind gespannt, ihre Einschätzungen zu hören. Das gleiche gilt selbstverständlich für Kai Blasberg, Geschäftsführer von Tele 5 und vielleicht der letzte Haudegen unter den deutschen Fernseh-Geschäftsführern, der immer wieder mit ganz neuen Programmideen für seinen Sender aufwartet. Darüber hinaus haben wir Frau Prof. Claudia Wegener, Professorin für digitale Medienkultur eingeladen, die die derzeitigen Veränderungen unter wissenschaftlicher Perspektive beobachtet und Jannis Kucharz, der sich in seinem Blog „netzfeuilleton“ ebenfalls mit dem digitalen Medien­wandel auseinandersetzt. Moderiert wird das Ganze von Silvia Laubenbacher von a.tv, die wir bereits im vergangenen Jahr als souveräne Gesprächsleiterin erleben durften. Wir sind gespannt. Ich habe keinen Zweifel, dass wir eine sehr muntere Diskussion erleben werden. Zunächst aber hat der Hausherr, Oberbürgermeister Dr. Gribl, das Wort.