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Keynote des DLM-Vorsitzenden Siegfried Schneider auf dem Digitalradiotag im Rahmen der IFA am 4. September 2017 in Berlin

13.09.2017
P&R / 2017

- Es gilt das gesprochene Wort! –
 
Sehr geehrte Damen und Herren,
 
herzlich willkommen zum Digitalradiotag der Medienanstalten auf der IFA! Unsere Veranstaltung steht dieses Jahr ganz im Zeichen der Vermarktung von digitalen Reichweiten und der digitalen Radio-Plattformen.
 
Und ich muss schon sagen: Wenn die Akzeptanz von DAB+ linear zur Teilnehmerzahl des Digitalradiotags steigt, dann sind wir gar nicht mehr so weit entfernt vom Umstieg… Aber ganz im Ernst: Nicht nur Ihr Interesse am Thema, sondern auch unsere neuesten Hörfunk-Zahlen aus dem Digitalisierungsbericht und der DAB+-Nutzungsstudie, die wir gleich präsentiert bekommen, bestätigen: DAB+ ist die Zukunft. An Digitalradio führt kein Weg mehr vorbei. Und im Umkehrschluss: Die Zeit von UKW ist endlich.
 
Diese Sätze hätte ich offen gestanden vor ein paar Jahren so noch nicht gesagt. Auch auf dem letzten Digitalradiotag war ich noch zurückhaltender. Doch gerade im Frühjahr und Sommer 2017 haben wir eine Reihe von Entscheidungen erlebt, die sich positiv auf die weitere Entwicklung von DAB+ in Deutschland auswirken werden. Die Medienanstalten jedenfalls tun alles dafür, dass die DAB+-Reichweite und Nutzung in der Bevölkerung steigt. Lassen Sie mich zusammenfassen:
 
Einen wichtigen Impuls für DAB+ in Deutschland versprechen wir uns von Entscheidung der Gremienvorsitzenden-Konferenz (GVK) der Medienanstalten über den Plattformbetrieb für den zweiten bundesweiten DAB-Multiplex. Den Zuschlag erhielt Anfang Juni die Antenne Deutschland GmbH & Co. KG, zu der sich die beiden Partner Absolut Digital und Media Broadcast im Rahmen eines Verständigungsverfahrens zusammengeschlossen hatten. Absolut Digital hat als Programmveranstalter sehr viel Erfahrung mit DAB+ und Media Broadcast als Netzbetreiber. Das scheint mir eine gute Kombination zu sein. Der zweite bundesweite Multiplex mit bis zu 18 neuen privaten Programmen hat das Potenzial, für noch mehr Vielfalt im Sinne der Mediennutzer sorgen. Wir versprechen uns davon auch einen erneuten Schub für die DAB+-Reichweite insgesamt.
 
Auch wenn die eingereichte Klage gegen diese Entscheidung vorerst gescheitert ist, kann ich Verzögerungen nach wie vor leider nicht ausschließen. Wir werden jedenfalls alles tun, dass es möglichst bald losgehen kann.
 
Ein weiterer positiver Aspekt ist die breit angelegte crossmediale DAB+-Kampagne unter dem Motto „So klar, als wär‘ ich da“. Sie startete Anfang Mai für einen Aktionszeitraum von drei Wochen. Beteiligt daran sind die Mitglieder des Digitalradio Vereins Deutschland, also ARD, Deutschlandradio und private Radioveranstalter. Die Kampagne ist die bisher reichweitenstärkste seit Einführung von DAB+ vor sechs Jahren. Mit der Kampagne wurde gleichzeitig auch ein neuer Marktauftritt eingeführt. Der zweite Aktionszeitraum startete gerade jetzt, kurz vor der IFA. Auch zum Weihnachtsgeschäft werden die Marktteilnehmer erneut ihre Reichweiten für die Bewerbung von DAB+ bündeln.
 
Als Beispiel aus der Reihe guter Entscheidungen für DAB+ möchte ich außerdem von den jüngsten Entwicklungen in Bayern berichten. Hier haben wir die DAB+-Versorgung unlängst auf neue Füße gestellt. Mit der Umsetzung sollen alle lokalen UKW-Programme auch eine digitale Kapazität erhalten. Die digitale Versorgung über DAB+ wird damit in vielen Fällen deutlich besser als bei UKW sein.
 
Voraussetzung dafür ist eine Kooperations-Vereinbarung zwischen dem öffentlich-rechtlichen Bayerischen Rundfunk und der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) zur Verbreitung von DAB+-Programmen im Freistaat, die wir Ende 2016 unterzeichnet haben. Eine solche Zusammenarbeit zwischen dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und der privaten Seite bei der Entwicklung von DAB+ könnte überall dort stattfinden, wo genügend freie Kapazitäten für die privaten Sender in den Netzen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks vorhanden sind. Zumindest für eine Übergangsphase wäre das eine klassische Win-win-Situation: Die privaten Anbieter bekommen eine hohe Netzqualität zu vertretbaren Preisen, die sie sich wohl in der Simulcastphase sonst nie leisten könnten. Und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk entstehen dadurch kaum Mehrkosten.
 
Seit diesem Sommer werden alle privaten landesweiten DAB+-Angebote und alle fränkischen UKW-Sender simulcast in den Netzen des BR verbreitet. Ab Mitte nächsten Jahres werden wir das auch in Niederbayern und der Oberpfalz anbieten können.
 
Für das Allgäu und das Oberland/Südostoberbayern wird die Bayern Digital Radio [BDR] mit zwei weiteren eigenen Netzen den Aufbau der DAB+-Infrastruktur in Bayern abschließen.
 
Unser Ziel ist ambitioniert: Bis Ende 2018 bzw. spätestens Frühsommer 2019 wollen wir den bayerischen Radiohörern alle aktuellen lokalen privaten UKW-Angebote in Bayern auch in DAB+ anbieten. Zusätzlich wird es auch neue lokale/regionale und landesweite Programme geben.
 
Das Interesse an den regionalen DAB+-Netzen und die Bewerberlage war und ist hoch. Das liegt sicher auch daran, dass der Bayerische Landtag – zusätzlich zur bestehenden Förderung der BLM – im Doppelhaushalt 2017/18 eine eigene Förderung der Digitalisierung der privaten Hörfunkprogramme in Höhe von 1,5 Millionen Euro beschlossen hat. Sobald das neue Versorgungskonzept in Bayern erfolgreich umgesetzt ist, könnte die Migration von UKW auf DAB+ im Freistaat beginnen.
 
Wir stellen erfreulicherweise gerade fest, dass die Digitalisierung des terrestrischen Hörfunks jetzt in allen Ländern die notwendige Fahrt aufnimmt. Dazu brauchen wir aber auch die politische Unterstützung auf allen Ebenen!
 
Ein sehr wichtiger Punkt, der die Marktdurchdringung extrem beschleunigen würde, ist eine gesetzliche Festlegung, dass höherwertige Audio-Empfangsgeräte künftig nur noch mit einer Schnittstelle zum Empfang digitaler Signale verkauft werden dürfen. Leider ist es vor der Sommerpause nicht mehr gelungen, diese Änderung der TKG-Novelle einzubringen. Wir hoffen weiter, dass sich hier doch noch etwas tut… Die Medienanstalten setzen sich schon lange für eine verpflichtende Ausstattung von Audio-Empfangsgeräten mit einem Multinorm-Empfangschip ein. Denn Radiohören muss auf allen Geräten technologieneutral möglich sein. Damit verbunden sollte auch der DAB-Empfang in jedem neuen Auto zum Standard werden.
 
Zumal es gerade angesichts der Entwicklungen in Europa auf dem Weg zu DAB+ kein Zurück mehr gibt. So sind uns einige unserer europäischen Nachbarländer schon eine Nasenlänge voraus: Norwegen hat 2017 als erstes Land den Einstieg in den UKW-Ausstieg begonnen. Dänemark plant zum 1. Oktober den Ausstieg. In Südtirol sollen Ende des Jahres erste UKW-Sender abgeschaltet werden.
 
Sobald 50 Prozent aller Radioübertragungen digital empfangen werden, will auch Großbritannien aussteigen. Das Vereinte Königreich investiert viel in den nationalen und lokalen DAB+-Sendernetzausbau und bietet eine Programmvielfalt wie in keinem anderen Radioland. Auch in Belgien, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Österreich und Polen werden die Digitalradioservices ausgebaut.
 
Meine Damen und Herren, bevor wir nun gleich zur Präsentation der neuesten Zahlen kommen, möchte ich Ihnen noch über die geplante Fusion der Zahlen der DAB+-Reichweitenstudie in die agma berichten. Die Medienanstalten und die anderen Auftraggeber der DAB+-Reichweitenstudie haben gemeinsam mit der agma und den dort verantwortlichen Gremien eine Roadmap entwickelt. Am Ende der Roadmap steht die Veröffentlichung von DAB+-Programmreichweiten in der ma Audio im Oktober 2018. Bis dahin wird es noch einiges zu tun geben. Das Ziel ist aber von allen Beteiligten klar formuliert.
 
Bereits in diesem Jahr entsprechen die erhobenen Daten fast allen agma-Kriterien. Entsprechend werden ab morgen [5. September] mit diesen Daten die notwendigen technischen Testläufe und damit die Vorbereitungen für die Integration in die agma-Währung weitergehen. Ab Herbst kommenden Jahres werden dann vor allem die bundesweiten DAB+-Programmangebote eine faire Chance haben, von der agma ausgewiesen zu werden. Damit haben sie dann endlich die Möglichkeit, ihre zweifelsfrei bereits vorhandenen Reichweiten chancengleich zu vermarkten. Und damit das Programm und die Verbreitung über DAB+ auch refinanzieren zu können.
 
Damit bin ich wieder beim Schwerpunktthema des heutigen Tages – nämlich der Vermarktung von digitalen Reichweiten und der digitalen Radio-Plattformen. Ich freue mich nun auf die Präsentation der Zahlen und die anschließenden Podien zu DAB+ und IP. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!