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„Ein Leben ohne Smartphone? Nicht vorstellbar!“ - Die 19. Fachtagung des Forums Medienpädagogik der BLM zeigt, welche Bedeutung Smartphones für Jugendliche haben – und wie Pädagogen sie sich zunutze machen können.

24.10.2013 | 65 / 2013

Das Smartphone eröffnet jungen Menschen eine eigene Welt. Sie ist voller Möglichkeiten, aber auch voller Risiken. Es ist eine Welt, die mobil stattfindet, oft genug ohne Einblickmöglichkeiten für Eltern und Erzieher. „Wie können wir Kinder und Jugendliche begleiten, wenn wir nicht dabei sind?“ Diese Frage, die BLM-Präsident Siegfried Schneider zu Beginn der Fachtagung des Forums Medienpädagogik stellte, beschäftigte einen Tag lang rund 180 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. In Referaten und Workshops, auf einer Ideenbörse und an Informationsständen erkundeten sie unter dem Motto „Nicht ohne mein Smartphone – Der multimediale Alleskönner in der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen“ die Welt der Handys.

Den Stellenwert, den diese Geräte im Leben der jungen Generation haben, machte die Medienwissenschaftlerin Katharina Przybilla in ihrem Einführungsreferat deutlich: „Jugendliche können sich ein Leben ohne Smartphone nicht mehr vorstellen.“ Wie aus der JIM-Studie bekannt, hat sich der Zahl der jungen Smartphone-Besitzer innerhalb nur eines Jahres verdoppelt. Jeder zweite Jugendliche führte 2012 ein multimediales Endgerät mit sich.

Wie sich Lebenswelten dadurch ändern, hat die Masterstudentin der Universität Erfurt in ihrer Abschlussarbeit untersucht. Sieben junge Smartphone-Besitzer hatten dafür Tagebuch über ihr Mobilverhalten geführt. Die Ergebnisse zeigten: Das Smartphone ist zum Beziehungsmedium geworden, im Umgang mit Freunden ebenso wie mit Eltern oder Liebesbeziehungen. Jugendliche sind „always on“. Es herrsche ein Zwang, immer erreichbar zu sein, erklärte Przybilla, und gleichzeitig ein Mangel an Rückzugsräumen.

Kinder und Eltern müssen an die mobile Welt herangeführt werden
Konkrete Tipps für den richtigen Umgang mit dem Smartphone gab es von Lena Hilles von jugendschutz.net. Sie sensibilisierte vor allem für einen genauen Blick beim Download von Apps. Denn, so Hilles, oft genug seien solche Angebote mit hohen Kosten verbunden, mit versteckter Werbung vollgestopft und unzulässige Links zu Facebook mit eingebunden. Als Alternative empfahl sie das Portal klick-tipps.net, auf dem empfehlenswerte und von Kindern getestete Apps vorgestellt werden.

Doch nicht nur Kinder brauchen Begleitung. Auch ihre Eltern sind oft überfordert, wenn der Nachwuchs ein Smartphone will, wusste die medienpädagogisch-informationstechnische Beraterin (MIB) Gisela Stanglmeier zu berichten. Sie erlebe Eltern, die dem Wunsch ihrer Kinder nachkommen wollen, selbst aber keinen Zugang zur dieser Welt haben. Unsicherheit bestimme da die Gespräche. Auch Erwachsene müssten Schritt für Schritt an die mobile Welt herangeführt werden. Ihr Rat: „Wir sollten den Eltern neben allen technischen Details und Risiken auch die Faszination des Smartphones vermitteln.“

Smartphones und moderne Bildungsarbeit lassen sich kombinieren
Und eine Faszination geht von diesen Geräten aus. Dass war spätestens dann zu erleben, als der Medienpädagoge Ulrich Tausend seine 180 Zuhörer bat, einmal kräftig in die Hände zu klatschen. Aufgezeichnet mit einer Musik-App, wurde aus dem Klatscher und anderen Geräuschen in wenigen Minuten ein fertig produziertes Musikvideo. Tausend demonstrierte so live, wie Medienarbeit im mobilen Zeitalter funktioniert: niedrigschwellig. Weil die Jugendlichen die Technik – samt Kamera, Mikro und Schnittprogramm – schon mitbringen. „Wir produzieren in ihrer Lebenswelt“, konstatierte er. Das sei eine andere Perspektive, Medienpädagogik zu begreifen.

Mobiles Spielen wird so zum mobilen Lernen. Wie sich die Möglichkeiten der Smartphones in der Bildungsarbeit nutzen lassen, demonstrierten in Workshops Thomas Kupser vom Münchner JFF-Institut für Medienpädagogik und Danilo Dietsch, Geschäftsführer einer Agentur für Bildung und Medien. Während Kupser zeigte, wie sich Kurzfilme mit dem Smartphone erstellen und dabei sogar mathematische Probleme in einprägsame Bilder auflösen lassen, hatte Dietsch Bildungsrouten im Gepäck, auch Educaches genannt. Diese basieren auf dem Prinzip von Geocaching: Statt eines Frontalunterrichts folgen die Schüler einer Spur, suchen Antworten, lösen Rätsel, beschäftigen sich so aktiv mit Inhalten. Dies, erklärte Dietsch auf Nachfrage aus dem Publikum, funktioniere auch, ohne sensible GPS-Daten preiszugeben.

Mobile Didaktik im Unterricht ist vielerorts noch Zukunftsmusik. In Rheinland-Pfalz wird sie bereits eingesetzt. Von dort war Steffen Griesinger von Medien+Bildung.com angereist, um das Projekt „MyMobile“ vorzustellen. Dabei werden in Zukunft Tablets als Lernwerkzeuge für den Unterricht eingesetzt, Lehrer und Medienpädagogen begleiten gemeinsam über eine Dauer von vier bis sechs Wochen den Unterricht.

Smartphones sind wichtig für die Identität der Kinder
Texten, telefonieren, Musik hören, Fotos machen. All das und noch mehr macht die multimedialen Alleskönner aus. „Smartphones sind ein eigenes Medium, sie sind wichtig für die Identität der Kinder und ihr Erwachsenwerden“, machte Prof. Dr. Nicola Döring von der Technischen Universität Ilmenau in ihrem Grundsatzreferat deutlich. Sie sprach, wie viele der Referenten, auch die Probleme um Cyber-Mobbing an, um falschen Umgang mit sensiblen Daten und Fotos, die besser nicht im Netz gelandet wären. Und erinnerte daran, dass allzu oft den Opfern solcher Attacken die Schuld zugewiesen wird, nach dem Motto: Wärst du damit bloß nicht online gegangen. „Ich halte diesen Ansatz für falsch.“ Nicht Abstinenz von Experimenten mit Texten oder Fotos sei die richtige Forderung. Sondern der kritische Umgang damit.

Woher aber kommt der Drang, alles zu dokumentieren und der Welt preiszugeben? Es sei der Reiz der „Wirklichkeitsaneignung“, so beschrieb es Prof. Dr. Nicola Döring. Moderator Dr. Erich Jooß, Vorsitzender des BLM-Medienrats, fand dafür im Resümee noch eine andere Umschreibung: „Ich glaube, es ist auch ein Protest dagegen, dass der Augenblick stets verschwindet.“

Informationen zur Tagung auf www.medienpuls-bayern.de

>> Kontakt: Jutta Baumann, Tel. (089) 63808-261, jutta.baumann@blm.de